Schokojoghurt, Bratkartoffeln und Kopftuch oder: Von der guten und schlechten Religionsfreiheit

Dr. Georg NeureitherVon Dr. Georg Neureither, Heidelberg

Juristische Begriffe irritieren das Publikum zuweilen auch deswegen, weil deren rechtlicher Sinngehalt vom allgemeinen Sprachgebrauch stark abweicht. So ist das auch mit der Erkenntnis, dass Juristen bei Art. 4 Abs. 1 und 2 GG offenbar zwischen einer guten und einer schlechten Religionsfreiheit unterscheiden – was in diesem Fall nicht nur das Publikum, sondern auch den Juristen irritierte, der sich dessen bis dato nicht bewusst war. Dazu eine erhellende Begebenheit vom Beisammensein am abendlichen Familientisch:

Es ging um das Kopftuch. Der Jurist und Vater der Familie berichtete über den Fall und fragte seine Kinder (Grund- und weiterführende Schule), wie sie darüber denken. Nach Überlegungen, was sie davon halten würden, von einer Lehrerin mit Kopftuch unterrichtet zu werden – und zwar in Mathe, nicht in Reli –, und Rückfragen der Kinder, wie Juristen dieses und jenes sehen, Erklärungen dazu, dass es ganz generell eine Sphäre der Freiheitsberechtigung, genannt Gesellschaft, und eine Sphäre der Freiheitsverpflichtung, genannt Staat, gebe und ein Problem des Falles darin bestehe, den Wunsch der Lehrerin, im Unterricht einer staatlichen Schule ein Kopftuch zu tragen, einer der Sphären treffsicher zuzuordnen, die sich in der Person der Lehrerin doch ersichtlich überschneiden, ein anderes Problem darin, dass, wenn die Lehrerin ihr Recht geltend macht, andere, Schüler und Eltern, ihre Rechte ebenfalls geltend machen, – nach all dem und mehr ging das Gespräch mit anderem Gegenstand weiter.

Ich weiß es nicht mehr: Entweder ging es um Art. 14 Abs. 1 GG („Das ist mein Schokojoghurt!“) oder Art. 3 Abs. 1 GG („Du hast schon mehr Bratkartoffeln gehabt als ich!“). Wie Georg Jellinek dazu kommt, dass die Religionsfreiheit das „Urrecht“ sein soll, weiß ich nicht. Nach meiner Wahrnehmung sind es Eigentum und Gleichheit.

Als die Zuteilungs- und Verteilungsfragen schließlich entschieden waren, trat zunächst eine gefräßige Stille ein, gefolgt von einer Bemerkung, wie sie in ihrer klugen Unbezwingbarkeit vornehmlich Kindern gelingt: „Papa, warum unterscheidet ihr eigentlich zwischen einer guten und einer schlechten Religionsfreiheit?“ „Warum?“, war die verblüffte Rückfrage. „Du hast gesagt, es gibt eine positive und eine negative Religionsfreiheit!“

Wir sollten über unsere Begriffe nachdenken!

Anmerkung der Redaktion

Dr. Georg Neureither ist Gründer und Inhaber der Internetplattform „Religion – Weltanschauung – Recht [ RWR ]“. Außerdem ist er Lehrbeauftragter für Staatskirchenrecht und Kirchenrecht an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Lehrbeauftragter für Religionsverfassungsrecht an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Prüfer in der Ersten juristischen Prüfung in Baden-Württemberg.

Eine Antwort to “Schokojoghurt, Bratkartoffeln und Kopftuch oder: Von der guten und schlechten Religionsfreiheit”

  1. Anders Herum Says:

    Wie sagt der Volksmund: Kindermund tut Wahrheit kund. Natürlich ist die ganze Kopftuch-Debatte i. E. eine Diskussion über liebsame und weniger liebsame Religionen; ein Paradebeispiel für Doppelmoral; ein Exempel für die abgeschafft geglaubte Staatskirche…
    Ehrlich gesagt, deine hellwachen Kinder erinnern mich spontan an das eine freie, ungezwungene Kind, das dem Kaiser vor erstaunter Kulisse zurief: „Der hat doch gar nichts an!“


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