Aufgelesen LXXV – Thomas Mann lässt schächten

Leo Naphta stammte aus einem kleinen Ort in der Nähe der galizisch-wolhynischen Grenze. Sein Vater, …, war dort schochet, Schächter, gewesen – und wie sehr hatte dieser Beruf sich von dem des christlichen Fleischers unterschieden, der Handwerker und Geschäftsmann war. Nicht eben so Leo‘s Vater.

Er war Amtsperson, und zwar eine solche geistlicher Art. Vom Rabbiner geprüft in seiner frommen Fertigkeit, von ihm bevollmächtigt, schlachtbares Vieh nach dem Gesetze Mosis, gemäß den Vorschriften des Talmud zu töten, hatte Elia Naphta, dessen blaue Augen nach des Sohnes Schilderung einen Sternenschein ausgestrahlt hatten, von stiller Geistigkeit erfüllt gewesen waren, selbst etwas Priesterliches in sein Wesen aufgenommen, eine Feierlichkeit, die daran erinnert hatte, dass in Urzeiten das Töten von Schlachttieren in der Tat eine Sache der Priester gewesen war. Wenn Leo, oder Leib, wie er in seiner Kindheit genannt worden war, hatte zusehen dürfen, wie der Vater auf seinem Hof mit Hilfe eines gewaltigen Knechtes, eines jungen Mannes von athletischem jüdischen Schlage, neben dem der schmächtige Elia mit seinem blonden Rundbart noch zierlicher und zarter erschien, seines rituellen Amtes waltete, wie er gegen das gefesselte und geknebelte, aber nicht betäubte Tier das große Schachotmesser schwang und es zu tiefem Schnitt in die Gegend des Halswirbels traf, während der Knecht das hervorbrechende, dampfende Blut in rasch sich füllenden Schüsseln auffing, hatte er dies Schauspiel mit jenem Kinderblick aufgenommen, der durch das Sinnliche ins Wesentliche dringt und dem Sohn des sternäugigen Elia in besonderem Maße zu eigen gewesen sein mochte. Er wußte, daß die christlichen Fleischer gehalten waren, ihre Tiere mit dem Schlag einer Keule oder eines Beiles bewußtlos zu machen, bevor sie sie töteten, und daß diese Vorschrift ihnen gegeben war, damit Tierquälerei und Grausamkeit vermieden werde; während sein Vater, obgleich so viel zarter und weiser als jene Lümmel, dazu sternäugig, wie keiner von ihnen, nach dem Gesetz handelte, indem er der Kreatur bei unbetäubten Sinnen den Schlachtschnitt versetzte und sie so sich ausbluten ließ, bis sie hinsank. Der Knabe Leib empfand, daß die Methode jener plumpen Gojim von einer läßlichen und profanen Gutmütigkeit bestimmt war, mit der dem Heiligen nicht die gleiche Ehre erwiesen wurde wie mit der feierlichen Mitleidslosigkeit im Brauche des Vaters, und die Vorstellung der Frömmigkeit verband sich ihm so mit der Grausamkeit, wie sich in seiner Phantasie der Anblick und Geruch sprudelnden Blutes mit der Idee des Heiligen und Geistigen verband. Denn er sah wohl, daß der Vater sein blutiges Handwerk nicht aus dem brutalen Geschmack, den leibesstarke Christenburschen oder auch sein eigener jüdischer Knecht daran finden mochten, erwählt hatte, sondern geistigerweise und, bei zarter Leibesbeschaffenheit, im Sinn seiner Sternenaugen.

Aufgelesen in: Thomas Mann, Der Zauberberg, 1981, S. 615 ff.

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