Wozu Kirchenrecht studieren?

Lukas FrankeVon Lukas Franke, Heidelberg

Diese Frage werden sich sicherlich viele Studenten stellen, die bei der Lektüre des Semesterprogramms auf Vorlesungen und Seminare zum Kirchenrecht stoßen. Angesichts der großen und zumindest zu Studienbeginn auch unübersichtlichen Auswahl an Lehrveranstaltungen in den Rechtswissenschaften verengt sich der Blick spätestens, nachdem die erforderlichen Grundlagenfächer pflichtgemäß absolviert wurden, schnell auf die „examensrelevanten“ Gebiete. Gerade eine Materie wie das Kirchenrecht wird dabei als wenig bedeutsam und zu exotisch bewertet. Und tatsächlich werden den meisten Studenten der Rechtswissenschaften an deutschen Universitäten konkrete kirchenrechtliche Fragen weder im Rahmen ihrer Prüfungen noch im späteren Berufsleben begegnen. Schließlich mag nicht zuletzt die bedauerliche Abschaffung des Doktorgrades beider Rechte (doctor utriusque iuris) an vielen rechtswissenschaftlichen Fakultäten zu diesem Eindruck beigetragen haben. Jedoch besitzt das Kirchenrecht insbesondere für den öffentlich-rechtlich interessierten Studenten zahlreiche bedeutende Aspekte und Verbindungen zu anderen Rechtsbereichen. Im Folgenden sollen diese kursorisch und vornehmlich mit Blick auf das katholische Kirchenrecht (Kanonisches Recht) dargestellt werden.

Die rechtshistorische Bedeutung

Am deutlichsten tritt dieser Zusammenhang bei der Rechtsgeschichte zutage. Das Kanonische Recht war über viele Jahrhunderte hinweg die wichtigste überregionale und übernationale Rechtsordnung in Europa und hat durch ihre Systematik erheblichen Einfluss auf andere moderne Rechtsordnungen genommen. So bildete die Kirche eine Ordnungsstruktur, welche durch Taufe, Heirat und Bestattung die zentralen Lebensbereiche der Menschen bestimmte. Das bis in die Moderne bestehende Personalitätsprinzips führte zudem dazu, dass Mitglieder des Klerus und Angehörige der Ordensgemeinschaften zumeist nicht direkt dem Recht des jeweiligen Landes unterstanden, sondern dem Kanonischen Recht unterworfen waren.

Das Kirchenrecht besaß somit einen enormen Einfluss auf die Rechtspflege in Europa und nahm in vielerlei Hinsicht Entwicklungen vorweg, die sich später in den nationalen Rechtsordnungen niederschlagen sollten. Beispielhaft seien hier die Kodifikation und Rezeption des Römischen Rechts sowie die Entwicklung des Prozessrechts genannt. Die in allen europäischen Rechtssystemen (wenn auch in unterschiedlichem Maße) erfolgte Rezeption des Römischen Rechts und die zunehmende Kodifikation des Rechts setzte im Bereich der Kanonistik bereits im 12. Jahrhundert ein und war in ihrem Umfang und ihrer Struktur für die weitere Entwicklung in anderen Rechtssystemen beispielgebend.

Auch die wichtigsten Anreize für die Entwicklung eines modernen Prozessrechts gingen von vorangegangenen Entwicklungen im Kirchenrecht aus. Die Einführung des Inquisitionsverfahrens ist für viele vornehmlich mit der unrühmlichen Geschichte religiöser Intoleranz und der Verfolgung und Hinrichtung von Andersgläubigen verbunden, wobei übersehen wird, dass dieses Verfahren zahlreiche fortschrittliche Neuerungen brachte: Die Abkehr vom vormals üblichen Akkusationsverfahren, bei denen Prozesse allein nach der Beschuldigung durch Dritte eingeleitet wurden, und die Entstehung von Klagen ex officio waren hierbei ebenso maßgeblich wie die Abkehr von Gottesurteilen zu Gunsten einer auf Zeugenaussagen basierenden Beweisführung.

Für ein umfassendes Verständnis der europäischen Rechtsgeschichte ist daher eine zumindest grundlegende Kenntnis des Kirchenrechts unumgänglich.

Systematik religiösen Rechts

Die Bedeutung des Kirchenrechts erschöpft sich jedoch nicht in rein historischen Aspekten, sondern ist als fremdes Rechtssystem auch für die Rechtsvergleichung von Interesse. In einer stark vernetzten Wirtschafts- und Rechtsordnung ist eine rechtsvergleichende Betrachtung schon lange keine bloße intellektuelle Übung mehr, sondern zunehmend bedeutsam für den juristischen Alltag. Das Verständnis anderer Rechtsordnungen und der ihnen zu Grunde liegenden Rechtssystematik ist somit wichtiger denn je. Auf Grund der bereits dargelegten rechtshistorischen Bedeutung bietet das Kirchenrecht eine gute Ausgangslage, um sich mit der Systematik eines fremden Rechtsgebiets auseinanderzusetzen.

Kenntnisse des Kirchenrechts erleichtern zudem auch das grundlegende Verständnis anderer religiöser Rechtssysteme und dabei insbesondere des jüdischen und islamischen Rechts. Besonders Grundkenntnisse des islamischen Rechts sind zunehmend auch für die juristische Praxis, nicht zuletzt auf Grund der wachsenden Zahl der einheimischen muslimischen Bevölkerung oder der wachsenden Bedeutung des islamischen Bankensektors (Islamic Finance), auch in Europa von Interesse.

Kirchenrecht in Beruf und Praxis

Ungeachtet der bereits dargelegten Bedeutung des Kirchenrechts für das juristische Verständnis insgesamt gibt es natürlich auch konkrete Anwendungsbereiche des Kirchenrechts. In der Praxis des Kanonischen Rechts hat heutzutage vornehmlich das kirchliche Eherecht Bedeutung, da Ehenichtigkeitsverfahren zu den häufigsten Streitfällen vor kirchlichen Gerichten zählen. Darüber hinaus ergeben sich Verbindungen mit dem Staatskirchenrecht, d.h. dem staatlichen, säkularen Recht, welches die Beziehungen zwischen dem Staat und religiösen Gemeinschaften regelt. Klassische Streitfälle sind hierbei das Dienstrecht in Fragen der Einstellung bzw. Kündigung von Mitarbeitern kirchlicher Institutionen und seltener Fragen des kirchlichen Strafrechts, von denen die jüngsten Missbrauchsverfahren beispielhaft genannt werden müssen. Wie auch bereits durch die vielen internationalen Ausbildungszentren für Kanonisches Recht deutlich wird, handelt es sich hierbei um wahrlich internationales Recht, welches nicht nur der Entstehung nationalen Rechts vorgreift, sondern im Gegensatz zu diesem innerhalb der katholischen Weltkirche nur geringe regionale Unterschiede aufweist. Der bedeutendste Unterschied findet sich hierbei zwischen der Rechtsordnung der lateinischen Kirche und der orientalischen Kirchen. Die lateinische Kirche ist die größte Teilkirche innerhalb der römisch-katholischen Kirche und umfasst unter anderem die Katholiken in den beiden Amerikas sowie weiter Teile Afrikas und Europas. Das zentrale Gesetzbuch dieser Kirche stellt der Codex Iuris Canonici dar. Für die 22 weiteren orientalischen Teilkirchen mit ihrem jeweils eigenen Ritus gilt hingegen das Kirchenrecht, welches im Codex Canonum Ecclesiarum Orientalium kodifiziert ist. Da die lateinische Kirche allein jedoch bereits über 1 Mrd. Gläubige in zahlreichen Ländern umfasst, ist in Ausbildung und Rechtsanwendung vornehmlich das Recht der lateinischen Kirche von Bedeutung.

Darum Kirchenrecht studieren

Wie dargelegt, fördert ein Studium des kirchlichen Rechts nicht nur das Grundverständnis europäischer Rechtsgeschichte und -systematik, sondern ist als Einstieg in die – keineswegs an Bedeutung verlierende – Materie des religiösen Rechts auch für sich eine überaus lohnenswerte Thematik. So hat das Kirchenrecht auch direkte Auswirkungen auf bedeutende Momente im Leben der rund 50 Mio. Angehörigen der beiden großen Kirchen in Deutschland, da auch die Regelung etwa von Taufen, Heiraten und Bestattungen dem Kirchenrecht unterliegt. Die Bedeutung des Kirchenrechts kommt nicht zuletzt auch in einem Blick auf die jüngsten Nachrichten um innerkirchliche Reformen zum Ausdruck.

In einer zunehmend multikonfessionellen Gesellschaft gewinnt zudem die Frage nach religiösem Recht und seinem komplexen Spannungsverhältnis zur säkularen Rechtsordnung des Staates wieder an Bedeutung. Gerade aus diesem Spannungsverhältnis ergeben sich zahlreiche kontroverse und interessante Fälle und Gerichtsentscheidungen. Obschon das Kirchenrecht den meisten Studenten sicherlich nicht auf Anhieb als besonders bedeutsam oder interessant erscheint, eröffnet eine Grundkenntnis dessen den Einstieg in eine faszinierende und überaus aktuelle Rechtsmaterie und das Verständnis rechtlicher Streitfragen, die auch in den kommenden Jahrzehnten nicht an Bedeutung verlieren dürften.

Anmerkung der Redaktion

Lukas Franke studiert an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg Rechtswissenschaften und Islamwissenschaften. Er arbeitet derzeit an seiner Bachelorarbeit in Islamwissenschaften und bereitet sich auf das erste juristische Staatsexamen vor.

Vgl. auch Herwig/Müller/Ostertag/Sereda-Weidner, Wozu Staatskirchenrecht studieren?

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