Aufgelesen V – Der peruanische Galgen oder Freiheit und Gerechtigkeit

Eine peruanische Sage berichtet von einer Stadt, in der alle glücklich waren. Ihre Bewohner taten, was ihnen gefiel, und kamen gut miteinander aus. Nur der Bürgermeister war traurig, denn er hatte nichts, was er regieren konnte. Das Gefängnis war leer, das Gerichtsgebäude unbenutzt, und der Notar verdiente nichts, weil das Wort mehr galt als das Papier.

Eines Tages rief der Bürgermeister einige Handwerker aus einem entlegenen Ort zu sich, damit sie um den Platz in der Mitte der Stadt einen Holzverschlag bauten. Eine Woche lang war das Hämmern und Sägen zu hören.

Am Ende der Woche lud der Bürgermeister alle Bewohner der Stadt zur Einweihung ein. Feierlich wurde der Holzverschlag entfernt, und vor ihren Augen stand – ein Galgen.

Die Leute fragten einander, was der Galgen dort machte. Ängstlich begannen sie, das Gericht bei Angelegenheiten einzuschalten, die sie zuvor einvernehmlich geregelt hatten. Sie gingen zum Notar, um Dokumente registrieren zu lassen, deren Inhalt zuvor mündlich vereinbart worden war. Und sie begannen, aus Furcht vor dem Gesetz auf den Bürgermeister zu hören.

Die Sage behauptet, daß der Galgen nie benutzt wurde. Allein seine Anwesenheit veränderte alles.

Aufgelesen in: Paulo Coelho, Unterwegs – Der Wanderer. Gesammelte Geschichten, 2007, S. 39 f.

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