Bundesregierung: „Kraft und Zuversicht durch den Glauben“

Anlässlich des 34. Evangelischen Kirchentags in Hamburg spricht Bundeskanzlerin Angela Merkel im Hamburger Abendblatt über die Bedeutung der Kirche für Gesellschaft und Politik. Sie betont: „Das christliche Menschenbild ist Grundlage meines politischen Handelns“. In einem Vortrag mit anschließendem Podiumsgespräch hat sie zudem die Menschen ermutigt, sich politisch zu engagieren; auch zukünftige Generationen müssten gute Lebensbedingungen vorfinden.

Interview

Hamburger Abendblatt (HA): Was bedeutet Ihnen die Losung „Soviel du brauchst“ des Kirchentages?

Angela Merkel: Es ist eine Losung, die jeden ganz persönlich zum Nachdenken, etwa über Konsum und Besitz, herausfordert. Als Politikerin verstehe ich sie vor allem als Aufforderung zu nachhaltigem Handeln: Wir müssen dafür Sorge tragen, dass nachfolgende Generationen mindestens genauso gute Lebensbedingungen vorfinden wie wir heute. Wir dürfen nicht mehr Ressourcen verbrauchen, als wir unbedingt benötigen.

HA: Kommen Sie nur als Bundeskanzlerin zum Kirchentag oder auch als Christin und Protestantin?

Merkel: So trenne ich das nicht. Ich betreibe Politik auf der Basis meines christlichen Menschenbildes. Mein Glaube vermittelt mir Maßstäbe für meine Entscheidungen, nicht nur für die privaten.

HA: Spielt es für Sie eine Rolle, dass der Kirchentag in Ihrer Geburtsstadt Hamburg stattfindet?

Merkel: Ich freue mich immer, wenn ich Gelegenheit habe, nach Hamburg zu kommen. Die hanseatische Weltoffenheit und die große Bürgertradition der Stadt lassen Veranstaltungen erwarten, die die Welt als Ganzes im Blick haben. Ich halte das angesichts der globalen Herausforderungen, die wir nur gemeinsam bewältigen können, auch für sehr wichtig. Dass außerdem Ökumene und interreligiöser Dialog einen Schwerpunkt bilden, passt zu einer religiös so vielfältigen Metropole.

HA: Welches war Ihr bisher eindrucksvollstes Kirchentags-Erlebnis?

Merkel: Ich besuche seit vielen Jahren Kirchentage, die Faszination kann ich nicht auf ein einziges Erlebnis beschränken. Mich beeindruckt immer wieder, mit welcher Ernsthaftigkeit und Freude Menschen bei Kirchentagen diskutieren und beten – und zwar in einer Atmosphäre der Offenheit und Toleranz, die vorbildlich ist. Jedes Mal, wenn ich den Kirchentag besuche, bin ich aber auch wieder aufs Neue beeindruckt, wie stark sich Christinnen und Christen weltweit engagieren. Sie werden über die Schöpfung in der globalisierten Welt diskutieren.

HA: Was verstehen Sie unter der Schöpfung und welche Bedeutung hat sie für Sie?

Merkel: Uns ist die Schöpfung anvertraut. Wir müssen uns deshalb immer wieder fragen, wie wir mit ihr umgehen dürfen, umgehen müssen. Unsere Verpflichtung ist es, die Schönheit und den Reichtum der Erde und damit auch die Lebensgrundlagen der gesamten Menschheit langfristig zu bewahren. Wir selbst sind aber auch Geschöpfe Gottes. Das heißt, wir führen ein Leben in Gemeinschaft, in gegenseitiger Verantwortung füreinander. Das beginnt damit, dass alle Menschen die gleiche Würde besitzen – egal, woher sie kommen, wie sie aussehen, was sie können, was sie denken. Für Menschenwürde und Menschenrechte weltweit ein Bewusstsein zu schaffen, das ist eine der wichtigsten Aufgaben, die wir haben.

HA: Hat Ihnen der Glaube schon einmal geholfen, schwierige Entscheidungen zu treffen und zu tragen?

Merkel: Ja. Der Glaube gibt Kraft und Zuversicht, weil man weiß, man muss nicht perfekt sein, man darf auch Fehler machen.

HA: Taugen die Zehn Gebote und das Prinzip der Nächstenliebe noch als moralischer Kodex für politisches Handeln?

Merkel: Weder die Zehn Gebote noch das Prinzip der Nächstenliebe haben an Bedeutung und Aktualität verloren. Allerdings kann man aus der Bibel keine konkrete Politik ableiten. Für mich – wie gesagt – ist das christliche Menschenbild Grundlage meines politischen Handelns, insbesondere wenn es um den Schutz des menschlichen Lebens geht, ob am Anfang oder am Ende. Aber natürlich kommen auch Christinnen und Christen in vielen Fragen untereinander zu sehr unterschiedlichen Auslegungen und können wunderbar miteinander politisch streiten.

HA: Mischen sich die evangelische und katholische Kirche Ihrer Meinung nach zu viel in die Politik ein?

Merkel: Viele erwarten ja geradezu von den Kirchen, dass sie sich auch zu aktuellen Fragen äußern. Kirchen bereichern damit die gesellschaftliche Diskussion. Ich begrüße das. Das politische Engagement sollte die Rolle der Kirchen als Gemeinschaften des Glaubens dabei natürlich nicht überlagern.

Das Interview führte Marlies Fischer für das Hamburger Abendblatt.

Vortrag und Podiumsgespräch

Auf dem 34. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Hamburg hat Bundeskanzlerin Angela Merkel außerdem die Menschen ermutigt, sich politisch zu engagieren. Auch zukünftige Generationen müssten gute Lebensbedingungen vorfinden.

Die Kanzlerin erinnerte an die vielfältigen religiösen Angebote und Möglichkeiten, sich politisch zu engagieren. Deutschland stehe wirtschaftlich gut da. Aber man müsse sich fragen, ob es immer noch mehr sein muss, ob das, was da ist, nicht reiche, persönlich wie gesamtgesellschaftlich. Die Menschen müssten dafür Sorge tragen, dass nachfolgende Generationen mindestens genauso gute Lebensbedingungen vorfinden wie heute.

Die Bundeskanzlerin sprach zu mehreren tausend Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Anschließend führte sie ein Podiumsgespräch zum Thema: „Und siehe es war sehr gut. Was ist die Schöpfung in der globalisierten Welt wert?“. Gesprächspartnerin auf dem Podium war die Leiterin des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen, Helen Clark. Merkel und Clark antworteten auf Fragen aus dem Publikum.

34. Evangelischer Kirchentag

Vom 01. bis 05.05.2013 feiern mehr als 100.000 Dauerteilnehmende den 34. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Hamburg. Er steht unter der Losung: „Soviel du brauchst“. Die Worte stammen aus der Bibel (2 Mose 16, 18). Es finden mehr als 2.500 Veranstaltungen statt: Vorträge Podiumsdiskussionen, Gottesdienste, Lesungen und Filmvorführungen.

Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland präsentiert sich zum ersten Mal deutschlandweit als Gastgeberin. Die Hansestadt Hamburg hat den Deutschen Evangelischen Kirchentag 2013 bereits das vierte Mal zu Gast.

Bundesregierung v. 02./03.05.2013

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