Aufgelesen LXII – Der Ehevertrag

Zwischen Weihnachten und Silvester, einige Tage vor Anbruch des Jahres 1901 und damit des zwanzigsten Jahrhunderts, wurde ich vom Anwalt der Familie … zu einer benannten Stunde in dessen Kanzlei gebeten. Als ich hinkam, war der Professor bereits da, der Advokat, ein forsch tuender Herr mit einem Feldwebelgesicht, begrüßte mich nicht ohne Feierlichkeit, und auf einem lederbezogenen Kanapee, wo er sich einen Platz aus Akten und juristischen Zeitschriften ausgegraben hatte, saß, eine Virginiazigarre im Mundwinkel, der Notar. Dieser überreichte mir ein kalligraphisch vollendet ausgeführtes Dokument, damals waren Schreibmaschinen in den Kanzleien noch nicht im Gebrauch, und dieses Schriftstück hatte ich durchzulesen. Ich gab mir Mühe, es zu tun. Die Höhe der Mitgift war ziffermäßig bezeichnet; die vermögensrechtlichen und eherechtlichen Bestimmungen waren in einem vollkommen unverständlichen Deutsch abgefaßt. Es stand auch etwas da von einer Widerlage im Fall der Ehetrennung. Was das Wort zu bedeuten hatte, wußte ich nicht. Da ich nicht fragte, fand sich niemand bemüßigt, mich aufzuklären. Es langweilte mich. Ich unterschrieb. Ich dachte: Der Professor ist ein Ehrenmann, weshalb sollte ich nicht unterschreiben? Es erschien mir nicht anständig zu fragen. Fünfundzwanzig Jahre später erfuhr ich, was ich unterschieben hatte. Ein Vierteljahrhundert verstrich, bevor mir ein Licht darüber aufging, daß man mich hineingelegt hatte… Ich hätte ja fragen können. Ich hätte ja auch meinerseits zu einem Anwalt gehen können. Aber dergleichen kam mir gar nicht in den Sinn. Es war das erstemal, daß ich mit einem Notar zu tun hatte. Ein Notar, dachte ich, das ist das Gesetz in Person, da kann einem nichts geschehen. Dafür mußte ich büßen.

 

Aufgelesen in: Jakob Wassermann, Joseph Kerkhovens dritte Existenz, 1989, S. 205 f.

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