„Because we’re Trinity!“ – Universität und Religion

Dr. Georg NeureitherVon Dr. Georg Neureither, Heidelberg

Bei manchen Erscheinungsformen gesellschaftlicher Wirklichkeit fällt die Einordnung schwer, ob es sich „schon“ um Religion oder „noch“ um Sport, Musik, Politik oder Ähnliches handelt: Die Olympischen Spiele haben schon von ihrem Ursprung her nicht nur sportlichen Charakter; die Hingabe mancher Fans an ihren Fußballverein grenzt zuweilen an Religionsersatz; den Bayreuther Festspielen ist bereits beim Kartenvorverkaufsverhinderungsvorgang Numinoses zu eigen; das Wahlverfahren zum Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker wurde vor Kurzem als Konklave bezeichnet; manchem Politiker oder Popstar wurde schon Prophetisches, Messianisches zugesprochen. Die Reihe ließe sich beliebig fortschreiben; solcherlei ist zur Gewohnheit geworden. Als jedoch in einer akademischen Abschlussfeier die Schwelle zur Religion überschritten wurde, stockte mir kurz der Atem.

Universität und Individualität

Kürzlich hatte ich das Vergnügen, an einer Abschlussfeier der University of Cambridge teilzunehmen. Die Zeremonie („amongst its oldest traditions“) war von nahezu unmenschlicher – oder sollte ich besser sagen: übermenschlicher – Strenge. Sie schien darauf ausgerichtet, die Individualität derer, die ihren Abschluss erhalten sollten, in der Universität aufgehen zu lassen. Gebrochen – und gefestigt zugleich – wurde diese Form durch die menschliche Zuwendung der Lehrkräfte zu ihren Absolventen, die sie zu präsentierten hatten: hier ein Zwinkern, da ein Zupfen – wie nicht vorhanden, doch unabdingbar für Person und Institution. Führen mit der Augenbraue! Form und Freiheit bedingen einander: Je fester die Form („805 years ago“), desto mehr Freiheit kann sie zulassen.

Form und Formeln

Nicht nur die Form besaß, sondern ebenso die verwendeten Formeln hatten kirchlichen Charakter, kein Wunder, denn die Versammlungen der Universitätsleitung wurden zunächst in der Universitätskirche abgehalten. Es war von „grace“ die Rede, wo es um die Billigung eines Graduanten ging, von „congregation“ als der regelmäßigen Versammlung der Universitätsleitung, von „procession“ des Zuges der Absolventen durch die Straßen.

Bloße Formeln? Nein, die ganze „ceremony“ war als akademischer Sakramentenempfang angelegt, mit Priester und Ministranten und Elementen verschiedener Sakramente. An das Ehesakrament erinnerte die Aufforderung an die Anwesenden, nun Einwendungen gegen Bewerber vorzutragen, gefolgt von einer kleinen Pause und der anschließenden Feststellung, nachdem keine Gegenstimmen erhoben worden waren: „placet“. Dem Sakrament der Eucharistie entsprach der „Kommuniongang“ der neu zu Graduierenden: Jeder ging einzeln nach vorne, kniete vor dem Stellvertreter des Vizekanzlers („with hands together and enclosed in the deputy‘s“) und empfing von diesem seinen Abschluss. In diesem Akt waren zugleich Elemente des Bußsakraments enthalten, insbesondere in der „Lossprechungsformel“ (wie sie, nebenbei bemerkt, das Handwerk ebenfalls kennt).

Trinitarische Formel

Zugegeben: Wer will, kann in all dem sakrale Muster erkennen, muss es aber nicht; es „funktioniert“ auch so. Ebenso kann, wer will, im modernen Staatswesen sakrale Elemente entdecken, muss es aber nicht; es „funktioniert“ auch so. Dass aber ein akademischer Grad mit den abschließenden Worten verliehen wird: „in nomine patris et filii et spiritus sancti“, bringt recht eindeutig ein in Deutschland unvorstellbares Element der Religion in den akademischen Kontext. Den „Information for Guests“ war dazu lediglich zu entnehmen: „The Trinitarian Formula may be omitted“. Wohlgemerkt: Nicht der Graduant, sondern der Stellvertreter des Vizekanzlers lässt gegebenenfalls die Trinitätsformel weg!

„Because we’re Trinity!“

Ich habe nach der Feier den Prälektor befragt, der mir eingehend den Hintergrund des Geschehens erklärte. Von allen Aspekten, die er nannte, der treffendste und an Britishness nicht zu überbieten waren seine entrüsteten Eingangsworte: „Because we’re Trinity!“

Anmerkung der Redaktion

Dr. Georg Neureither ist Gründer und Inhaber der Internetplattform „Religion – Weltanschauung – Recht [ RWR ]“. Außerdem ist er Lehrbeauftragter für Staatskirchenrecht und Kirchenrecht an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Lehrbeauftragter für Religionsverfassungsrecht an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Prüfer in der Ersten juristischen Prüfung in Baden-Württemberg.

2 Antworten to “„Because we’re Trinity!“ – Universität und Religion”

  1. Dr. Georg Neureither Says:

    Das Thema „Abschlussrede“ und „Abschlusserfahrungen“ erweist sich auch literarisch als ertragreich.

    Salman Rushdie berichtet in einer commencement address an die Studenten des Bard Colleges von seiner eigenen Abschlussfeier am King’s College und insbesondere davon, was geschieht, wenn man bei diesem Anlass braune statt schwarze Schuhe trägt…

    Und David Foster Wallace nutzte seine beeindruckende, hier schon einmal hervorgehobene commencement speech am Kenyon College zu “Some Thoughts, Delivered on a Significant Occasion, about Living a Compassionate Life”.

  2. Dr. Georg Neureither Says:

    In einer Zuschrift bin ich auf das Promotionsgelöbnis an der Universität Wien (Grund- und Integrativwissenschaftliche Fakultät, Geisteswissenschaftliche Fakultät und Formal- und Naturwissenschaftliche Fakultät) hingewiesen worden, welches ich schon um seiner sprachlichen Schönheit willen weitergebe:

    „Sie werden also geloben, dieser Universität, in der Sie den höchsten Grad … erlangt haben, dauernd ein treues Angedeken zu bewahren und ihre Aufgaben und Ziele nach Kräften zu unterstützen; die Würde, die ich Ihnen zu verleihen habe, rein und unversehrt zu bewahren und niemals durch üble Sitten oder Schande im Leben zu beflecken; die edlen Wissenschaften unermüdlich zu pflegen und zu fördern, nicht um schnöden Gewinnes oder eitlen Ruhmes willen, sondern auf daß die Wahrheit weitergegeben werde und ihr Licht, worauf das Heil der Menschheit beruht, heller erstrahle“.


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