Aufgelesen XLVIII – Was ein erfolgreicher Anwalt braucht

Es war ziemlich leicht, … die Qualifikation zum Anwalt zu bekommen; aber wegen des Praktizierens befürchtete ich Schwierigkeiten. Ich hatte Rechtswissenschaft studiert, aber von der Praxis hatte ich nichts gelernt. Mit Eifer hatte ich die „Maximen der Rechtsprechung“ studiert, wußte aber nicht, wie ich sie in meinem Beruf anwenden sollte. Noch während meiner Studien wurde ich von Bedenken gequält und vertraute schließlich meine Nöte einigen meiner Freunde an…

Ich weiß nicht mehr, ob es derselbe Freund war, der mir riet, mich an Mr. Frederick Pincutt zu wenden. Mr. Pincutt war ein Konservativer, aber den … Studenten mit reiner und selbstloser Freundlichkeit zugetan. Viele Studenten kamen zu ihm um Rat, und so bat auch ich ihn um eine Unterredung, die er mir gewährte. Ich werde diese Begegnung nie vergessen. Er begrüßte mich wie einen Freund und lachte mich mit meiner Schwarzseherei aus. „Seien Sie beruhigt“, sagte er, „es gehören keinerlei ungewöhnliche Fähigkeiten dazu, ein guter Durchschnittsanwalt zu sein. Wenn man einfach ein anständiger Kerl und fleißig ist, wird man immer genug verdienen, um davon zu leben. Nicht alle Fälle sind kompliziert. Na, nun sagen Sie mir mal, was Sie ganz allgemein alles gelesen haben“.

Als ich meinen spärlichen Bildungsbestand vor ihm ausbreitete, konnte ich deutlich sehen, daß er einigermaßen enttäuscht war. Doch nur für einen Augenblick. Sehr bald glänzte wieder ein tröstliches Lächeln auf seinem Gesicht, und er sagte: „Ich begreife Ihre Besorgnis. Mit Ihrer Allgemeinbildung steht es dürftig. Sie wissen nichts von der Welt. Sie haben nicht einmal die Geschichte Ihres eigenen Landes gelesen. Ein Anwalt sollte die menschliche Natur studieren, … und lesen Sie auch das eine oder andere Buch über Psychologie!“

Ich war diesem verehrungswürdigen Berater unendlich dankbar für seine Teilnahme. Sein Rat selbst brachte mir nur wenig unmittelbaren Nutzen, aber sein Wohlwollen tat mir gut. Sein offenes, lächelndes Gesicht stand mit seitdem immer vor Augen, und ich hielt mich vertrauensvoll an das, was er gesagte hatte: daß es keiner außergewöhnlichen Fähigkeiten bedürfe, um ein erfolgreicher Anwalt zu werden, sondern daß Redlichkeit und Fleiß dazu genügten. Da es mir daran nicht mangelte, fühlte ich mich einigermaßen beruhigt. Ich bestand meine Prüfungen…“.

Aufgelesen in: Mahatma Ghandi, Mein Leben, 15. Aufl. (1993), S. 53 f.

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