Aufgelesen XXXII – Sankt Martin oder: Die unsichtbare Hand des Marktes

Wenn man mir … bisher gesagt hat: Du sollst lieben! und ich liebte – was kam dabei heraus? … Ich riß meinen Kaftan in zwei Teile und gab den einen davon meinem Nächsten, und wir blieben beide zur Hälfte nackt, wie es das russische Sprichwort sagt: „Wenn du mehrere Hasen gleichzeitig verfolgst, wirst du keinen erbeuten!“ Die Wissenschaft jedoch lehrt uns:

Liebe vor allen anderen nur dich selbst; denn alles in der Welt gründet sich auf das persönliche Interesse. Wenn du nur dich selbst liebst, wirst du deine Angelegenheiten in Ordnung halten, wie es sich gehört, und dein Kaftan bleibt ganz. Und die ökonomischen Erkenntnisse fügen hinzu, daß die Gesellschaft, je mehr private Unternehmungen geschaffen werden und je mehr Kaftane daher sozusagen ganz bleiben, auf um so festeren Grundlagen ruht und daß um so mehr auch die gemeinsame Sache in der Gesellschaft gefördert wird. Wenn ich also einzig und allein für mich erwerbe, erwerbe ich damit gleichzeitig auch gewissermaßen für alle und trage dazu bei, daß mein Nächster etwas mehr erhält als einen zerrissenen Kaftan, und zwar nicht auf Grund privater, individueller Großmut, sondern infolge des allgemeinen Wohlstandes.

Aufgelesen in: Fjodor M. Dostojewskij, Schuld und Sühne, 9. Aufl. (1987), S. 191 f.

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