Aufgelesen XI – Meinst du noch oder glaubst du schon?

Wodurch unterscheiden sich Glauben und Meinen? Die Unterscheidung ist wichtig, denn Glauben führt zum Schutzbereich des Art. 4 Abs. 1 GG, Meinen zum Schutzbereich des Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG. Und auch die Schranken der beiden Grundrechte sind unterschiedlich: Die Glaubensfreiheit ist vorbehaltlos gewährleistet, kann also nur durch – kurz – sog. kollidierendes Verfassungsrecht eingeschränkt werden, die Meinungsfreiheit findet ihre Schranke hingegen schon in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre, Art. 5 Abs. 2 GG. Was also unterscheidet Glauben und Meinen?

„Das Fürwahrhalten ist überhaupt von zwiefacher Art, ein gewisses oder ein ungewisses. Das gewisse Fürwahrhalten oder die Gewißheit ist mit dem Bewußtsein der Nothwendigkeit verbunden, das ungewisse dagegen oder die Ungewißheit, mit dem Bewußtsein der Zufälligkeit oder der Möglichkeit des Gegentheils. Das letztere ist hinwiederum entweder sowohl subjectiv als objectiv unzureichend, oder zwar objectiv unzureichend, aber subjectiv zureichend. Jenes heißt Meinung, dieses muß Glaube genannt werden.“

Aufgelesen in: Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften (Hrsg.), Kant‘s gesammelte Schriften, Erste Abteilung: Werke, Band IX: Immanuel Kant‘s Logik – Ein Handbuch zu Vorlesungen, 1923, S. 1 ff. (66)

Anmerkung der Redaktion

Nach Kant ist, kurz zusammengefasst, Meinen somit ein sowohl subjektiv wie objektiv unzureichendes Führwahrhalten, Glauben hingegen ein objektiv zwar unzureichendes, subjektiv aber zureichendes Fürwahrhalten.

Wenig anders das BVerfG: „Eine Meinungsäußerung ist jede Kundgabe von beliebigen subjektiven Äußerungen und Werturteilen, also eine subjektiv wertende Betrachtung von Tatsachen, Verhaltensweisen oder Verhältnissen. Demgegenüber hat die Glaubensfreiheit eine mit der Person des Menschen verknüpfte Gewißheit über den Bestand und den Inhalt bestimmter Wahrheiten zum Gegenstand“ (BVerfG, Beschl. v. 19.10.1971 – 1 BvR 387/65, BVerfGE 32, 98 [107] – Gesundbeter).

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