Aufgelesen LIV – Der Charakter des Staatsanwalts

Jeder Mensch, ausgenommen der Jurist, wird der Figur des öffentlichen Anklägers von vornherein wenig Sympathie entgegenbringen, auch dort, wo er das verdammenswerteste Verbrechen der Sühne zuführt.

Es liegt wohl daran, daß er den Menschen nicht kennt, den Menschen nicht ansieht, nicht kennen darf, nicht ansehen darf. Für ihn gibt es bloß die Tat und was die Tat wiegt und daß sie vergolten wird. Er hört ja selber auf, Mensch zu sein, die Stimme, die den Schuldigen zur Verantwortung zieht, ist nicht die Stimme des Menschen mehr, will nicht als Menschenstimme vernommen werden; über die Parteien in den Raum der Mitleidlosigkeit erhöht, Unperson, ist er Diener und Beauftragter der Gemeinschaft. So ist er wohl gedacht, so denkt er sich selbst; aber nur der Charakter von großem Zuschnitt wächst mit solcher Beamtung empor und erfüllt seinen Sinn; der kleinere, indem er sich spannt und überspannt und in ein verzweifeltes Mißverhältnis zur Aufgabe gerät, entblößt nur seine Unzulänglichkeit, und das Antlitz des unerbittlichen Sühneforderers erstarrt zur Polizeigrimasse.

Aufgelesen in: Jakob Wassermann, Der Fall Maurizius, 2. Aufl. (1988), S. 90.

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