Aufgelesen XII – Acht Marktsonntage in Rheinland-Pfalz oder Der zweite Donnerstag von Scheibbs

Die folgende skurrile Erzählung wurde mir mit dem Betreff „Acht Marktsonntage in Rheinland-Pfalz? Nichts gegen den zweiten Donnerstag von Scheibbs!“ zugesandt. Sie versteht sich als nicht vollständig humorfreien Kommentar zu dem Gesetzesvorhaben des Landes Rheinland-Pfalz.

Viel gab‘s im Amte zu tun. Das kam so: Die Stadt Scheibbs hatte rastlos, seit Dezennien schon, um einen zweiten Donnerstag in der Woche gebeten. Man war höheren Ortes nachgerade erstaunt, daß die Scheibbser schon wieder etwas wollten. Hatte man ihnen doch kurz vorher das zweite weiche kleine „b“ im Stadtnamen bewilligt, da ein paarmal peinliche sinnstörende Schreibfehler vorgekommen waren. Das war schließlich begreiflich und nicht unbillig. Aber der zweite Donnerstag!? Schon unter Kaiser Joseph hatte es angefangen. Dieser aufgeklärte Monarch hielt es für Irrsinn. Doch die zähen Scheibbser (jetzt mit zwei weichen „b“) petitionierten wieder und immer wieder, hartnäckig, wie es eben nur Scheibbser sein können. Jetzt fing die Sache an, in weiteren Kreisen Beachtung, und zwar mißbilligende Beachtung zu finden. Dachte man doch allmählich tiefer über die Angelegenheit nach, und plötzlich sprang die Unvernunft des Scheibbser Wunsches in seiner ganzen grausigen Tragweite den Denkenden nackt vor die Augen. Es gab zwei Möglichkeiten, eine schreckhafter als die andere. Zuerst die, daß die Stadt Scheibbs allmählich in eine andere Zeitrechnung treten würde und daß es außer dem Julianischen und Gregorianischen auch noch einen Scheibbsianischen Kalender geben würde. Das „neue Jahrhundert von Scheibbs“ würde bald zur Weltsensation werden und einen ungeahnten Strom von reisenden Engländern und anderen unnützen Menschen in die stille Voralpenstadt führen. Diese Perspektive allein war dem fremdenfeindlichen Sinn der Epoche schon mehr als unerwünscht. Dann aber tauchten schlimmere, weit schlimmere Bedenken auf. Der unfromme Wunsch der frevlen Scheibbser müßte notwendigerweise, sagten die Moralisten mystischer Richtung, auch üble Folgen kosmischer Natur nach sich ziehen, und es wäre sonnenklar, daß die unglückliche Stadt allmählich, unmerklich zuerst, sich von der Erdrinde abheben würde, eine Erscheinung, die bei schweren Störungen der Weltordnung gerne vorkäme. Nach und nach würde sie dann anfangen, um die Erdkugel zu kreisen, ein entsetzlicher, tieffliegender Mond, der auf seiner Bahn tagtäglich grauenhafte Verwüstungen anrichten müsse. Der ganze Breitengrad, auf dem Scheibbs lag, fühlte sich in seiner Sicherheit bedroht. Deputation auf Deputation aus aller Herren Ländern wurden jetzt bei der obersten Behörde vorstellig. Da ritten Irokesen neben Korneuburgern, krummbeinige ungarische Magnaten in Trauergala, Kleinrussen, Mongolen, Chinesen, Franzosen, biedre Schwaben und Bayern, polnische Schlachzizen in reichen Prunkgewändern – hinter ihnen jammernde Juden mit großen Schirmen, da es sie um die entliehenen Prachtstücke bangte. Kurz alles, was am Breitengrad von Scheibbs lag, kam nach Wien und jammerte um Schutz von Haus und Herd.

Die Gelehrten malten das Grausige immer deutlich aus. Etwas wie eine ungeheure, düstere Rübe, das untere Ende feuerflüssig, würde über die Erde schleifen, da die Juristen ganz richtig behauptet hatten, daß der Stadt Scheibbs alles Kubikareal bis zum Mittelpunkt der Erde gehöre. Andere Naturkundige warfen mit Recht ein, daß keine Rübe entstehen würde, sondern daß der harte Felsrand der nicht zum Zeitzuwachsschwindel betroffenen Umgebung sozusagen Wurstscheibe auf Wurstscheibe vom Scheibbser Massiv abschneiden würde. Kurz, die gedanklichen Perspektiven waren grauenhaft. Bittgänge wurden im ganzen Reiche abgehalten, an einzelnen Orten traten schon Geißler, Springprozessionen, ja selbst Adamiten auf, was besonders unerfreulich wirkte. Jetzt regten sich aber auch die verborgenen Logen aller okkulten Schattierungen und hielten die große Tagung am Wechsel, dem steirischen Grenzgebirge, unter drei knorrigen Rieseneiben. Der Großmeister der Templer in Antiochia, der Mahatma von Großwardein, der Superieur inconnu der Martinisten – ein goldbetreßter Marineur aus Triest –, der Inspecteur des endroits bizzares von der Wieden, der Hagelmeister von Tirol, die Herren vom Hl. Gral und von Rhodos, die Kronbewahrer von Trapezunt und Nikäa hatten sie einberufen. Den Vorsitz führte als einzige Dame die jugendschlanke Herzogin von Lians Court und von Mont Ferrat, kaiserliche Prinzessin von Byzanz. Sonderbare Züge pilgerten damals durch die tausendjährigen Wälder der Steiermark; da humpelten vergoldete Karossen die Almfelder bergan, modische Gecken zu Fuß und zu Roß trabten einher, auch täuschend würdige Spießer im Frack und gradkrempigen Hut, den goldenen Sporn in der Tasche. Was die erkannten, war auch nicht sehr tröstlich. Loslösen würde sich Scheibbs zwar nicht und zum Mond „luna secunda sive Scheibbsiensis“ werden – zu solchen kosmischen Folgen sei die magische Kraft der dasigen Kommunalseele zu klein –, wohl aber würde Scheibbs im Raum-Zeitschwindel voraneilen, immer kleiner und kleiner werden, wie Häuslein in Nürnberger Spielereienschachteln, und schließlich im magischen Fluchtpunkt vernebeln!

Das hören und in Massen auswandern, war für die biederen, aber materiell gesinnten Scheibbser eins. Die sonst so bedeutende Stadt sank allmählich zum kleinen Flecken von heute herab – der Rest der Scheibbser bat unter Tränen weiter um den zweiten Donnerstag. Endlich, nachdem noch der Hl. Stuhl durch die raffiniertesten diplomatischen Künste zu halber Beruhigung gebracht war, gab der gütige Landesvater nach und bewilligte traurig einen zweiten Donnerstag.

Ein Schrei des Entsetzens ging durch die ganze Welt. Man erwartete in dumpfer Resignation das Allerschlimmste. Es geschah aber gar nichts. Die Scheibbser hatten sich nur ungeschickt ausgedrückt und bloß einen zweiten Markttag gewollt, der in ihrem Sprachgebrauch mit dem Begriff Donnerstag identisch war. Jetzt gaben sie Ruhe und waren froh, daß sie das dritte weiche „b“, das man ihnen als Ablenkung hatte geben wollen, immer mannhaft zurückgewiesen hatten.

Aufgelesen in: Fritz von Herzmanovsky-Orlando, Der Gaulschreck im Rosennetz, in: Gesammelte Werke, hrsg. v. Friedrich Torberg, Band 1, 1957, S. 47 ff.

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