Alain de Botton, Religion für Atheisten – Vom Nutzen der Religion für das Leben

Von Ijoma Mangold, Berlin

Der Bestsellerautor Alain de Botton bedient in seinem neuen Buch die Trostbedürftigkeit der Menschen. Ijoma Mangold rät ab.

Alain de Botton ist ein Ästhet, der das Leben liebt. Und er ist ein Moralist mit einem starken Gespür für die Trostbedürftigkeit des Menschen. Folgerichtig fußt seine Karriere als kultivierter Bestsellerautor auf der Verbindung von Bildung und Trost. Er hat Bücher über den Trost der Philosophie geschrieben, darüber, wie Proust unser Leben verändern kann und wie die Architektur seelisch auf ihre Bewohner wirkt.

De Botton, Schweizer Bankierssohn, ist ein hingebungsvoller Seelentröster mit besten Umgangsformen. Seine pastoralen Züge waren allerdings unter seinem immer etwas teuren Ästhetizismus nicht sofort zu erkennen. Mit Religion für Atheisten bekennt er sich nun ganz zu seinem Seelenamt. Die größte Tröstungskraft geht vom Glauben aus. Weil de Botton aber nicht an Gott glaubt, verteidigt er die Religionen als heilsame Illusion: Ihre Rituale der Gemeinschaftsbildung könnten auch den säkularen Zeitgenossen aus seiner Vereinsamung reißen. Gegen den eitlen Pomp des weltlichen Karrierismus können uns die Religionen Demut lehren. In ihren Zeremonien dürfen wir klein und schwach sein und können den lächerlichen Hochmut endlich einmal ablegen. De Botton will das Schöne und Gute der Religionen retten, indem er die Wahrheitsfrage fallen lässt. Ihr müsst, ruft er den Verächtern der Religion zu, gar nicht dran glauben, ihr müsst nur mitmachen! Er vergisst, dass manches nicht mehr funktioniert, sowie es als bloßer Funktionalismus durchschaut ist. Deshalb raten wir leider ungetröstet von dieser Placebo-Religion ab.

Alain de Botton, Religion für Atheisten – Vom Nutzen der Religion für das Leben. Frankfurt a.M.: S. Fischer Verlag, 2013. 320 Seiten. ISBN 978-3-10-046327-2. 21,99 €.

Anmerkung der Redaktion

Ijoma Mangold ist Stellvertretender Ressortleiter des Feuilletons der Wochenzeitung „Die Zeit“. Der Beitrag ist ursprünglich am 13.06.2013 unter dem Titel „Der Seelenhirte“ in der „Zeit“ erschienen. Herzlichen Dank an Ijoma Mangold und die „Zeit“ für die Zustimmung, ihn in diesem Kontext zu republizieren!

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