Aufgelesen LV – Der Charakter des „guten Richters“

Der Präsident war ein gemütlicher Herr, der gern Anekdoten erzählte… [D]ie Leute, die sich darauf versteifen, ihre Schwänke an den Mann zu bringen, fragen nicht danach, ob der andere Interesse zeigt oder nicht, sie besorgen sowohl die Produktion wie den Applaus… [Er] genoß den Ruf eines „guten Richters“; aber was ihm den Ruf verschafft hatte, war eher eine Mischung von epikureischer Trägheit und allgemeiner Menschenverachtung als edle Aufgabe. Er ging den Dingen nicht gern bis auf den Grund, noch unlieber verstieg er sich in die Höhe, nur in der Mitte war ihm wohl.

In vielen Fällen beruhte seine „Güte“ auf der derben Gemütlichkeit eines mäßigen Alkoholikers. Selber schwerfällig wie ein Faß, beseufzte er die Schwerfälligkeit des juristischen Apparats, hielt die Geschworenengerichte, ohne sich je dagegen aufzulehnen, für eine lächerliche Farce; und solange er noch Strafrichter gewesen, waren seine gewinnendsten Eigenschaften zutage getreten, wenn er einen geständigen Verbrecher vor sich hatte –  dem hätte er am liebsten die Hand geschüttelt und ein Stipendium zugewendet. Mit so einem verliert man doch nicht seine Zeit, pflegte er zu sagen, als ob die Zeit eines Richters ausschließlich der träumerischen Versenkung in behaglichen Weinstuben gehöre.

Aufgelesen in: Jakob Wassermann, Der Fall Maurizius, 2. Aufl. (1988), S. 136 f.

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